Zeitraffer und Farbverläufe

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An mir zieht manchmal alles vorbei wie ein Zeitraffer. Wie die Wolken an einem windigen Tag über den Himmel jagen, so jagt manchmal alles an mir vorbei. Und gleichzeitig ist alles irgendwie eingefroren. Nichts passiert – so irgendwie. Und gleichzeitig ist so viel los. Die Tage werden länger, die Sonne intensiver. Der Kopf dreht sich im Kreis. Und ich ziehe Kreise um den Wohnblock. Und manchmal auch raus zum See. Unruhe in mir, weil zu viel Ruhe um mich rum herrscht. Und ab und an geh ich unter, wie der Stein den ich in den See geworfen habe. Sinke immer wieder – zurück ins Bett. Kann mich nicht motivieren. Will so vieles tun – aber kann mich irgendwie nicht aufraffen. 

Nach Wochen wieder die Umarmung meines besten Freundes. Kann nicht sagen was mir das bedeutet. Endlich wieder. Hugs. Cola für zwei. Und all diese Kleinigkeiten. Hab sie vorher schon sehr geschätzt, aber gerade jetzt noch ein bisschen mehr. Der Fall anschließend ist groß. Will doch nur hier raus. Weg. Irgendwo anders hin! Bin doch die, die immer unterwegs ist. Brauch eine neue Umgebung. Einen neuen Häuserblock, den ich umkreisen kann. Neue, alte Menschen. Mehr Umarmungen von meinem Liebsten. ‚Ich will hier weg‚ ab jetzt ein Satz der mir irgendwie jeden Tag über die Lippen kommt. Nicht weil ich es hier nicht schätze. Eher, weil ich das hier nicht mehr so sehr zuhause werden lassen wollte. Wieder nur ein temporärer Zwischenstopp – so wie immer. Wieder mehr das Herz schützen – nicht nur durch social distancing sondern auch die emotionale Bindung nicht zu sehr aufkommen lassen. Fliehen vor der Heimat, nach der ich mich doch irgendwie so sehr sehen. Einem Zuhause. Keinem Ort. Mehr einem Gefühl und Menschen. Dass die Rechnung nicht aufgeht versteh sogar ich – ohne fundierte Mathe Skills. Syntax Error. Wie so oft. Etwas wollen, was man am Ende doch irgendwie mit allen Mitteln vermeidet. Die Konstante, der Störfaktor vielleicht nur ich selber und nicht die Variable. Syntax Error immer und immer wieder. Zurückspülen, im Zeitraffer. Analysieren. Fehlersuche. Variablen austauschen. Jeden Rechenweg beachten. Kreise im Kopf. Um den Wohnblock. Wieder ankommen am Ausgangspunkt. Reset ohne Reset –  weil doch irgendwie wieder nur der Anfang ist. Immer wieder gleich ausgeht. Konstantenwechsel statt Variablen tausch? Let’s give it a try. Weiterziehen. Weiterrechnen ohne zu berechnen. Weil eh immer Fall 101 Eintritt, wenn 100 gut durchdacht sind. Wieder ausbrechen – aus der Komfortzone. Wachsen an der Ruhe. Die Unruhe besiegen. In mir und um mich. Für ganz kurze Zeit wieder ankommen. An einem Ort – ohne Menschen. Weil das hier mein Ursprung ist. Weil ich hier die Ruhe finde. Die, die ich brauch. Aber vor allem die einzige die ich mag. Die Ruhe des Sees – immer eine kurze Atempause. Wenn der Kopf sich wieder zu sehr dreht. Dann sitze ich hier und finde Ruhe.

Das Glitzern auf der Wasseroberfläche wie ein Morsecode. Als würde mir die Heimat einen Abschiedsgruß zuflüstern wollen. Als würde mir jemand sagen, dass die Rechnung am Ende eben doch aufgeht – auch wenn das wieder einen Fortgang beinhaltet. Sonne und Wolken – ein Remix den ich gerade heute sehr genieße. Wie ein Wechselbad der Gefühle. Zu warm, genau richtig, ein bisschen zu kühl. Die Kälte im Gesicht spüren, während mir sonst ein bisschen zu warm ist. Und genauso spring ich hin und her. Zwischen weg wollen, für immer oder nur eine Weile. Und dann doch wieder die Heimat vermissen, obwohl ich noch hier stehe. Kurz wieder nur der Musik lauschen, Gedanken kreisen lassen, wie die Vögel über meinem Kopf. Der Farbverlauf von pastell-türkis zu tief blau. Wohl für immer mein Lieblingsbild. „Weiß der Designer nicht ein noch aus, macht er einen Farbverlauf“ hallen die Worte meines Designprofessors im Kopf nach. Muss schmunzeln bei dem Gedanken, dass dieser Farbverlauf mir immer hilft, wenn ich weder ein noch aus weiß – so wie gerade eben noch. Wenn die Gedanken sortiert werden wollen. Dann sitze ich oft hier, an der Abbruchkante über dem Farbverlauf und lass Blick und Gedanken schweifen. Werfe Steine in den See und versenke damit jeden negativen Gedanken um nicht selber wieder zurückzusinken.

Diese Ironie, dass genau ein Farbverlauf für mich so vieles wieder klarer macht – obwohl er doch für fehlende Erkenntnis steht – irgendwie. Und das Pendant dazu am Himmel. Hellblau – auch fast pastellig. Immer weiter bis zu sattem Babyblau. Durchzogen von weißen Wolkenbändern. Zeichnet hier die Natur doch irgendwie meinen Kopf. Fast nur positive Gedanken, immer mal wieder tageweise durchzogen von Wolkenbändern. Nur sind meine nicht immer weiß sondern manchmal eher grau. Und ab und an auch Gewitterwolken. Aber das Bewusstsein, dass auch die vorüber ziehen hilft. Am Ende bleibt ja noch mein Farbverlauf. Hier am See. Der mir Antworten gibt und auch ein bisschen Ruhe. Und das Glitzem auf dem See, das mir wie im Morsecode immer wieder sagt, dass das alles so gehört und schon gut werden wird. Und dann stehe ich wieder auf, mit einem Gefühl, dass alles kommt wie es soll und dass das hier schon richtig ist. Wieder ein bisschen mehr Ruhe in mir bevor es weiter geht. Im Zeitraffer und doppelter Geschwindigkeit – weil ich das so mag. Bis ich wieder so schnell bin, dass nicht nur ich mich drehe sondern auch meine Gedanken. Und ich wieder hier her komme. An die Abbruchkante. Um Ruhe und auch Heimat zu finden – für eine kleine Sekunde.

Always on the run – again.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Ich möchte Dich sehr gern für den Brainstorms Award nominieren, sofern Du Dich beteiligen magst. Hier mein Blog Beitrag dazu: https://murmelmeister.com/2020/07/02/more-award-nominations/
    Herzlichst, Sovely

    Liken

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