Abschiedsbrief No. 1

Liebesbrief an die Heimat oder viel mehr an den Lieblingsort.

Ich kenn hier jeden Millimeter. Den Abstand zwischen jedem Baum, da an der Straße. Weiß genau, in welchem Abschnitt man die Berge sieht – an guten Tagen. Zwischen Baum 56 und 68. Glücklich werden, wenn ich sie sehe. Ich weiß, ohne auf die Uhr zu sehen, wo km 1 ist. Auch die 1,5km. Und da, wo der Weg sich teilt, genau da sind 1,9km. Ich kenn die 4km Runde, die 5,5km und die 7km. Ich kenn den Hochstand, auf dem ich schon oft im Regen saß. Leider hat er ein Loch, genau da wo der Kopf ist, wenn man in der Mitte sitzt. Ich hab die Veränderung dieses Orts gesehen – die Guten und die Schlechten. Ich bin 100x bei Sonnenschein hier lang gegangen und sicher doppelt so oft bei Regen. Weil ich den Regen liebe. Gibt halt auch Schlecht-Wetter-Läufer. Hab Läufe abgebrochen und bin zu weit gegangen. Saß am Straßenrand und wurde gefragt, ob man mir helfen kann. Habe mehr Kilometer geschafft, als ich dachte und manchmal auch weniger.  Hab geweint, aus Wut über mich selbst oder auf äußere Umstände. Lag am Parkplatz im Gras, weil ich zu viel auf einmal schaffen wollte. Hab gegrinst wie ein Honigkuchenpferd, wenn ich besser war als mein Gefühl. Bin gerannt, gejoggt und spaziert – Runde um Runde. Intervalle, Ausdauerläufe, Sprints, Benchmark Runs und Cooper Tests. Mal alleine, mal in Gesellschaft. Hier hatte ich Läufe, die sich richtig gut angefühlt haben. Aber auch welche, die sich wie die ersten Schritte nach Jahren angefühlten – bis zum Schluss. War immer hier um die Gedanken ruhig werden zu lassen, manchmal auch ganz laut oder nur um eine Antwort zu finden. Schritt für Schritt. Kilometer für Kilometer. Im Uhrzeigersinn und manchmal entgegengesetzt. Nur nich stehenbleiben – zumindest nicht lange. Hab diesen Ort – virtuell – mit Herzensmenschen geteilt. Hab mit meinem besten Freund auf den Sonnenuntergang gewartet – in der kälte des Herbstes. Saß im Frühjahr jeden Abend am See in der Abendsonne. Eine „Bucht“ weiter, immer der selbe Typ. Haben gemeinsam einsam unsere Sorgen und Gedanken geteilt, ohne je ein Wort zu wechseln. Haben Steine, Gedanken und Erinnerungen im See versenkt. Hier habe ich den Stein her, der immer in der gleichen Jacke ist. Der, in dessen Kuhle mein Daumen genau reinpasst – als wäre er nur für mich da hingelegt worden. Ich weiß, an welchem Ort die Hasen am liebsten den Weg kreuzen. Und genau da vorne an der Ecke stand ich, als das Reh und ich “ wer zuerst blinzelt“ gespielt haben. Ich kenn den Wald, weiß wo jeder umgeworfene Baum liegt. Bin 100x darüber gestiegen. War wochenlang jeden Tag zur Golden Hour hier schwimmen. Bin im Schnee hier langgegangen um Ruhe zu finden. Hab Stunden aufs Wasser gestarrt. Bin mit jeder Mücke, jeder Ente und auch ein paar von den Haubentauchern per du. Bin Jahr für Jahr hier langgegangen. Mal regelmäßig, mal unregelmäßig. Habe jede Jahreszeit schon etliche Male kommen und gehen sehen. Hier haben sich Wörter zu Zeilen und die letztendlich zu Paragrafen geformt. Hier sind mir die besten Ideen gekommen. Hier hab ich Entscheidungen getroffen und Sonnenuntergänge angeschaut. Hier hab ich zurück zur Fotografie gefunden, die Liebe zu ihr aber zuvor auch dort verloren. Hier hab ich Ruhe gefunden. Immer. Mochte diesen Ort immer am liebsten, wenn mir stundenlang keine Menschenseele begegnet ist. Bin so oft mit schlechter Laune hier rausgegangen und mit besserer zurückgekehrt.
Hier hab ich zuerst jeden Kilometer gehasst, den ich joggen ‚musste‘. Irgendwann angefangen es zu lieben, ohne dass ich es gemerkt hätte. Werde mittlerweile ganz ungeduldig, wenn ich länger nicht meine Kreise ziehe. Und immer dieser Gedanke im Kopf – wofür. Bei jedem Lauf, auf den ich keinen Bock hatte. Wie ein Mantra – „immer einen mehr machen“. Wusste, dass jeder Kilometer mich dem Ziel näher bringt. Immer gelaufen, für meinen Traum. Manchmal mit Freude, manchmal erst nach Überwindung, manchmal jeden Schritt – ohne Motivation. Aber immer gearbeitet am Ziel. Besser werden. Versagen. Verzweifeln. Weitermachen. Und dann alles wieder von vorne. Nur nicht aufgeben. Alles annehmen. Vieles abgeben. Und manchmal auch aufgeben. Pläne schmieden, ändern oder verwerfen. Der Amsel zum Morgengrauen bei ihrem Lied zuhören. Den eigenen Atem – regelmäßig und unregelmäßig hören. Die einzige Gewohnheit, die mich nicht zerfrisst. Jeden Kilometer kennen. Und trotzdem, oder gerade deshalb, ist es Zeit zu gehen. 

Ab jetzt ist jeder Kilometer, jeder Schritt, jeder Atemzug vor allem eins – Abschied. Abschied von den Bäumen, die genau 50m auseinander sind. Abschied von km 1 und auch von km 1,5. Noch weitere 100x an km 1,9 vorbeilaufen. Öfter die 5km laufen. Manchmal auch die 7. Wieder den eigenen Erwartungen nicht genügen oder sie übertreffen. Schnelle Kilometer und auch langsame. Welche mit Musik im Ohr und welche, nur begleitet von Amsel Drossel Fink und Star. Jeder Lauf zum Sonnenaufgang, in der Mittagshitze oder wenn die Sonne hinter den Häusern verschwindet. Und das Bewusstsein, dass ich am Ziel angekommen bin – trotz der vielen Zweifel. Und gleichzeitig merken, dass es nur das Etappenziel war, aber nicht das Ende. Mehr Kilometer, mehr Gedanken. Neue Routen, um frei von den alten Gewohnheiten zu laufen. Weil es ab und an mal gut tut, nicht zu wissen, wo km 1 ist und auch nicht der zweite. Ankommen bei km 5,5. Noch eine extra Schleife laufen, für die 6. Niemals aufgeben.

Und das ist letztendlich irgendwie das, wofür dieser Ort hier steht. Die Heimat. Der Ort an dem ich lernte zu fliegen, manchmal auch auf die Fresse. Vielleicht auch der Ort, dem ich verdanke, nie aufgegeben zu hab. Ganz gleich wie ausweglos mir etwas schien.  Hier hab ich immer eine Lösung gefunden oder meine Gedanken sortiert. Alles 100x versucht, auch wenn ich 99x gescheitert bin. Immer wieder aufstehen und niemals den Glauben verlieren. Meine Träume nie aufgegeben, manchmal nur den Plan geändert. Hab mit diesem Ort Tränen, Freude, die schweren Zeiten und auch das Glück geteilt. Hab mich verloren und auch wiedergefunden. Aber vor allem, hab ich hier das vermeintlich Unmögliche möglich gemacht. Hab mir selber bewiesen, dass ich alles schaffen kann – wenn ich will. Dass man mit viel Arbeit immer ans Ziel kommen wird. Dass man manchmal mehr machen muss, als der Typ von neben an. Aber das ist okay. Weil es immer nur um einen selber geht. Den eigenen Fortschritt, die eigenen Gedanken. Weil man selber der einzige Maßstab ist, an dem man sich messen sollte. Und man sich immer wieder selber schlagen kann, besser sein als gestern – aber sich für Rückschritte nicht zu verurteilen. Vielleicht nimmt man ja nur Anlauf – wer weiß.

Ich verdanke dem allen hier sehr viel. Mehr als ich auszudrücken vermag, auch wenn ich es versuche. 

Das hier ist definitiv der schwerste Abschied – weil keiner weiß, ob ich je (ganz) zurückkommen werde. Doch egal was kommt, das hier kann nie 100% ersetzt werden. Denn das hier sind die Wurzeln dessen was ich bin und sein werde. Das hier ist mein Ursprung. Und trotzdem bin ich bereit für das Erweiterungspaket. Aber jedes Mal, wenn ich gehe, bleibt ein Teil von mir hier. 

Goodbye. It’s time to fly.

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