Kopf verloren

am

 

Erwische mich zur Zeit, wie ich mehr in den Wolken lebe, als hier unten. Seh die unterschiedlichen Wolkenformationen. Verliere mich in ihnen – genau wie in meinen Gedanken. Sehe, wie sich die Wolken schnell und langsam bewegen. Verliere mich im blau, ohne es selber zu sein. Verloren und blau. Spüre die Sonne auf meinem Gesicht und fast schon, wie die Sommersprossen wieder kommen. So wie jeden Frühling. Schließe die Augen und tauche wieder so sehr in meine Gedanken ein. Muss nur rechtzeitig wieder auftauchen – bevor ich ertrinke.
Und dann kommt wieder die Zeit, in der die Sonne immer tiefer steht. Die Wolken schon früh leicht lila aussehen lässt. Die Vorahnung auf einen Sonnenuntergang. Steige die Stufen hoch, um über der Stadt abschied zu nehmen. Vom Tag und jedes Mal ein bisschen auch von der Heimat. Jedes Mal schneide ich einen Faden mehr ab, bis nichts mehr da ist. Mache mir bewusst wie rar diese Tage jetzt schon sind. Genieße jeden bis ins kleinste Detail. Und verlier mich Minuten später in den Farbverläufen des Sonnenuntergangs. Immer mit bester Gesellschaft. Verliere mich in den Wolken und Farben. Halte es fest bevor es vorbei ist. Die liebste Stunde des Tages – wenn die Sonne hinter den Häusern verschwindet. Wenn die Nacht anfängt. Und ich mich zuerst im Sonnenuntergang und dann den Sternen verlieren kann. Ihnen alles erzählen. Manchmal nur stumm. Manchmal für die Ewigkeit auf Papier. Und manchmal nur als stiller Zuhörer, wenn ich meine Gedanken mit Herzensmenschen teile. Und für eine Minute – vielleicht auch sieben – ist die Welt in Ordnung. Solange bis die Sonne wieder über den Dächern auftaucht und mit ihr die Wirklichkeit. 
Liebe diese Zeit. Bin die Nachteule. Fühle da alles viel intensiver. Die Dunkelheit ist ein Stück Sicherheit. Alles ist viel lauter – irgendwie. Manchmal langsamer. Die Kleinigkeiten viel bedeutungsvoller. Gefühlt legt jeder seine Maske ab, nutzt den Schutz der Dunkelheit. Ob im Club tanzen, als wäre der Rest der Welt nicht da. Betrunken das aussprechen, was man sich sonst nie traut. Der Dunkelheit die Geheimnisse anvertrauen. Nächte sind die besseren Tage. Irgendwie ehrlicher – zumindest bei mir. Verliere mich so oft in Gedanken und dem Himmel. Manchmal viel lieber, als in den Menschen um mich rum. Und das ist okay, solange ich nicht den Kopf verliere. 

Nachts werden meine Gedanken oft ganz laut. Meistens auch klar – aber viel zu oft nur auf Umwegen. Stelle mir viel zu oft selber Fragen, auf die ich keine Antworten finden werde. Und die Antworten die ich finde sind viel zu oft nur temporär. Der Liedtext, den ich plötzlich so sehr fühle und auf Dauerschleife immer wieder durchdenke. Solange bis ich jede Zweideutigkeit. Jede Schicht und auch jeden Interpretationsspielraum ausgenutzt habe. Solange bis ich mir alles so sehr verdreht habe, bis es passt. Ganz gleich ob negativ oder positiv. Mache Verrenkungen wie beim Yoga – nur halt im Kopf. Stoße einzelne Gedanken an, ausversehen, durch Zitate Texte oder flüchtige Gedanken und beginne mein eigenes Dominoday. Wenn alles so laut und voll und verwirrend ist, dass ich alles verdrehe. Kann so oft nicht glauben, dass das Gute wirklich passiert. Denke so lange, bis es wieder negativ ist. Ganz logisch – zumindest in meinem Kopf. Versuche mich ab und an im nicht-interpretieren und verliere mich dann doch wieder in 100 Gedanken. Hab fast verlernt, wie es ist nicht zu denken. Schaffe es viel zu selten. Aber wenn ich bei dir bin, dann werden alle Gedanken ganz leise. Und manchmal auch ich. Du lässt keinen Zweifel aufkommen – an mir nicht und an dir auch nicht. Gibst mir ein Stück dessen zurück, was ich immer wieder verliere. Erweiterst meinen Horizont und damit deine Bedeutung für mich. 

Teile so gerne den Tag und mittlerweile auch die Nacht mit dir. Teile meine Nacht nur mit dir, weil es wichtig ist. Relevant. Weil es die wichtigsten Stunden sind – irgendwie. Weil du wichtig bist, so wichtig wie das immer wieder in Gedanken verlieren. Und du mich trotzdem immer wieder daran erinnerst, dass ich von Zeit zu Zeit auftauchen muss und der Realität ins Gesicht blicken muss. Weil sie meist doch ganz anders ist, als die Gedanken in meinem Kopf. Weil sie eben doch manchmal fantastisch ist – die Realität. Und Phantasie manchmal auch real. Auch bisschen wegen dir. Und ganz gleich, wo ich letztendlich ende. Diese Relevanz wird dir nie wieder jemand nehmen können. Bist ein Meilenstein – so irgendwie. Kann nicht ganz sagen, in welche Schublade ich dich stecken möchte. Vielleicht auch in keine oder gleichzeitig in zwei. Gehörst zu keinem Schema und wohl auch in keine Schublade. Gehörst nur irgendwie in mein Leben – dessen bin ich mir sicher – mit einer gewissen Relevanz. Irgendwie ein heller Stern in dieser Nacht. Ein kleiner Hoffnungsschimmer für mich – wenn ich  mal wieder meinen Kopf verlier. Weiß nicht ob du meine Gedanken verstehst – aber hast irgendwie so oft die Antworten, nach denen ich gesucht habe. Wunderknabe.

Teile meinen Sonnenuntergang nicht mit jedem. Weil es mir was bedeutet. Find darin so viele Antworten. Verlier mich so gerne in den Farben und den Fragen die jeder  einzelne für mich aufwirft. Dass nicht jeder gleich ist, genau wie wir. Immer schön. Dass die schönsten Sonnenuntergänge meist begleitet sind von Wolkenbändern. Weil nicht immer alles schön ist. Und immer wieder der Gedanke, dass wir uns viel öfter an den Kleinigkeiten erfreuen sollten. Diese Gedanken, in denen ich mich gerne verliere. Die mein philosophisches Herz erfüllen. Die Erinnerung daran, dass alles endet. Das Bewusstsein, dass auch ein Ende etwas schönes inne haben kann. Und dass der ganze Tag beschissen sein kann und trotzdem ein gutes Ende nehmen. Es gibt wenig was so viele Antworten für mich hat und gleichzeitig so viele Fragen aufwirft, wie der Sonnenuntergang.
Aber das ist okay so, weil es immer endet. Manchmal nach einer Minute und manchmal nach sieben. Weil ich mich darin verlieren kann – nur ganz kurz – ganz ohne verloren zu gehen. 

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – Hermann Hesse.

stay safe. stay home.

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