Für Mama und Papa.

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Es ist jetzt knapp 3 Jahre her. 3 Jahre seit ich ‚Hotel Mama‘ verlassen habe. 3 Jahre seit ich ausgezogen bin. Es war komisch, plötzlich alle Dinge selber managen zu müssen. War schon immer sehr selbstständig, aber plötzlich war das Leben ein anderes.
Anfangs noch bei jeder Kleinigkeit angerufen und nachgefragt. Den ersten Monat meine Wäsche mit Weichspüler gewaschen, weil ich überfordert war von den 1030 Waschmitteln die der Supermarkt im Sortiment hat. Angerufen um zu fragen, wie genau dies und jenes Rezept nochmal ging. Ein bisschen ängstlich gewesen, was das auf eigenen Beinen stehen so bringt. Dank der WG aber irgendwie doch niemals alleine gewesen. Einkaufslisten schreiben, die Woche planen, die ersten Monate noch sehr in den Tag gelebt. Das keine Verpflichtungen haben sehr genossen. Die plötzliche Freiheit, einfach schnell irgendwohin zu verschwinden, ohne gefragt zu werden, wohin es geht. Es irgendwann aber doch vermisst, dass sich jemand Sorgen macht. Bei der ersten Krankheit merken, wie toll es doch ist zuhause bei Mama zu sein und sich umsorgen zu lassen. In der ersten Prüfungsphase in die Bredouille zu kommen, weil das kochen doch mehr Zeit in Anspruch nimmt als gedacht. Und ja vielleicht habe ich auch zu spät angefangen zu lernen und hab mich deswegen von TK Kost und Lieferdiensten ernährt 😂.
Aber irgendwann kommt der Moment, in dem man das alles viel mehr genießt. Das zuhause sein. In dem man merkt, wie wertvoll es ist eine Familie zu haben, die immer hinter einem steht.
Ich bin ehrlich, seit ich ausgezogen bin, ist das Verhältnis viel besser geworden. Nicht das es vorher schlecht gewesen wäre! Ich hatte schon immer ein gutes Verhältnis zu meiner Familie, aber ganz im Ernst, wie schön ist es festzustellen, dass letztendlich die Eltern auch irgendwie die besten Freunde sind? Wenn etwas wirklich relevantes passiert, weiß ich, dass ich von ihnen die ehrlichste Antwort kriege und auf ihre Meinung am meisten wert lege. Es ist plötzlich okay, über (fast) alles zu reden. Erzähle Dinge, die ich vielleicht nicht erzählen würde, wenn ich noch zuhause wohnen würde. Meine Mama sagt auch bei der ein oder anderen Geschichte gerne, dass sie froh ist, dass ich nicht direkt ums Eck wohne. Sorry Mama, manchmal macht man eben Unsinn. 

Die ein oder andere Krankheit verschweigen, damit sie sich keine Sorgen machen müssen. Alles ein bisschen mehr selber regeln, weil auch sie ihren Alltag haben. Den ohne mich. 

Habe mittlerweile viel häufiger das Bedürfnis einfach zum ratschen zuhause anzurufen. Freue mich daheim zu sein, mit allen beim Essen zu sitzen und über jeden Blödsinn zu reden – und viel wichtiger zu lachen. Die schönsten Momente sind für mich, wenn wir alle am Tisch sitzen, lange nachdem wir aufgegessen haben. Lachen und reden, das sind die Momente in denen ich mehr denn je weiß, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin. Ein bisschen Urlaub haben und ein bisschen das alte Leben zurückkriegen. Irgendwie die Mischung aus heute und früher. Aber wir sind nichtmehr die Selben. Haben uns verändert durch die neue Situation. Ich bin erwachsender und selbstständiger geworden, wasche mittlerweile mit richtigem Waschmittel 😉. Mama und Papa sind gelassener geworden, vertrauen mehr darauf, dass wir das alles schon hinkriegen und richtig machen.
(Nicht dass sie uns davor nicht vertraut hätten, aber sie gehen anders mit den Dingen um)

Wenn ich ehrlich bin glaube ich, dass das Loslassen für meine Mama viel schlimmer war, als für mich. Ich bin dem Studium verschuldet vor meinem großen Bruder ausgezogen. Und plötzlich war das Haus leerer. Das Kücken war aus dem Nest. Für mich gab es kaum einen Unterschied, hatte ja hier ständig jemanden um mich herum. Wenn ich nach Hause kam, war alles beim Alten – irgendwie. Aber für meine Familie hat sich doch ziemlich viel geändert. Ich war immer der lautere Mensch von ihren Kindern. Kann ununterbrochen quasseln, was manchmal auch nervig ist. Aber ich glaube, es ist etwas stiller geworden Zuhause. Wie hat meine Mama mal gesagt: „Kind, ohne dich ist das Leben nur halb so amüsant.“ Und ich glaube, ich konnte kein schöneres Kompliment kriegen!
Aber es war auch ein wichtiger Schritt, wir alle haben gelernt loszulassen. Aber durch dieses Loslassen sind wir auch irgendwie gleichzeitig näher zusammengerückt. 

Als es mir garnicht gut ging, waren sie alle da. Haben mich in den Arm genommen, abgelenkt und sind mit mir in den Urlaub gefahren. Haben mir trotzdem im richtigen Augenblick gesagt, dass es Zeit ist sich wieder zusammenzureißen. Auch wenn ich es in dem Augenblick nicht hören wollte, war es genau das was richtig war! Und trotz der scharfen Worte wusste ich, ganz egal was ich tue, sie sind immer da und stehen hinter mir!

Das Gefühl, dass sie mir vertrauen, egal welche Entscheidung ich treffe, stärkt mir mehr als alles andere den Rücken. Sie vertrauen auf mein Urteilsvermögen, dass ich die richtigen Entscheidungen treffe und auch das ist ein schönes Kompliment. Sie finden nicht immer gut, was ich tue, aber sie lassen mich trotzdem immer machen. Dieser Rückhalt ist für mich persönlich unbezahlbar.

Mein Bruder und ich hatten auch schon immer eine gute Geschwisterbeziehung. Klar wir haben uns gestritten, wir haben uns auch mal richtig angezickt. Aber wenn es drauf an kam, dann waren wir immer füreinander da. Ich hab geweint, als ich ihn im Krankenhaus vor Schmerz habe schreien hören. Die Schreie haben mich in meinen Träumen verfolgt und ich konnte nicht schlafen, weil ich den Moment wie in Dauerschleife immer wieder durchlebt hab, sobald ich die Augen schloss. Ich saß im Krankenhaus an seinem Bett und habe ihn unterhalten, dafür ist er mit mir zu Freunden gefahren, weil ich Angst hatte die Busfahrt alleine nicht ohne Weinen zu überstehen. Er ist für mich durch die ganze Stadt gefahren, um mich aus einer blöden Situation zu holen und ich würde das selbe jederzeit wieder und wieder auch für ihn tun. Er hat mich in den Arm genommen und gesagt, dass es die Tränen nicht wert ist, wenn es mir schlecht ging. Hat mich abgelenkt und mich bei allem unterstützt. Als er sein Traumstudienplatz bekam, bin ich vor stolz fast geplatzt und ich bin heute noch wahnsinnig stolz darauf, wer er ist und was er macht. Und ich vermisse ihn, wenn ich lange nicht zuhause bin. Es ist eines der schönsten Dinge einen Bruder zu haben. Einen der nicht locker lässt, bis ich erzählt habe was los ist – auch wenn es mich in dem Moment manchmal nervt, ist es schon eine der besten Sachen der Welt. Es ist ein Stück Kindheit, dass man für immer behalten kann und gleichzeitig weiß man, dass einer der besten Freunde immer an der Seite ist.

Wie sehr ich ihn vermisse? Ich wusste es selber nicht, bis ich in der letzten Prüfungsphase länger nicht zuhause war, weil ich viel zu tun hatte. Er flog als Überraschung meinen Großeltern in den Urlaub hinterher. Als ich mit Mama und Papa am Flughafen wartete um die drei abzuholen, habe ich mich wahnsinnig gefreut. Gefreut, dass sie nach Wochen wieder alle um mich herum sind. Aber ich wusste nicht wie groß diese Freude war, bis ich sie sah und mich zusammenreißen musste nicht zu weinen. Hätte sie am liebsten nie wieder losgelassen und für immer umarmt. Das schönste daran? Sie haben sich mindestens genauso gefreut, weil alle dachten, dass ich schon wieder unterwegs bin, was meinen Drang zu weinen natürlich nicht wirklich vermindert hat.

Der erschreckendste Moment  hingegen für mich? Ich habe letztens meine Großeltern besucht. Den Nachmittag bei ihnen verbracht. Und als ich ging ist mir völlig unvermittelt klargeworden, wie alt sie doch geworden sind. Wie endlich das Leben ist und dass ich verdammt Angst davor habe nichtmehr mal eben kurz vorbeizukommen und hallo zu sagen. Über dies und jenes zu diskutieren und nichtmehr von ihnen in den Arm genommen zu werden. Mir 10x sagen zu lassen, dass ich auf mich aufpassen soll. Und dieses Gefühl hatte ich noch nie. Ich weiß nicht genau woher es kam, vielleicht von der anhaltenden Melancholie die mich diesen Sommer immer öfter heimsuchte oder etwas anderem. Aber es hat mich wirklich erschrocken plötzlich festzustellen, dass sie nicht für immer bei mir sein werden. Das ich mich irgendwann verabschieden muss und es hoffentlich kann. Und ja vor diesem Moment habe ich wahnsinnige Angst. Vielleicht auch deshalb hab ich mehr denn je das Bedürfnis jeden Abend kurz anzurufen um hallo zu sagen, weil der Tag kommen wird an dem ich es nichtmehr kann. Erinnere mich gerne an die Urlaube mit ihnen zurück, die Gespräche über das Leben mit meinem Opa und höre mir gerne zum 100x die selbe Geschichte meiner Oma an. Genieße die Tage bei ihnen im Garten oder auf der Couch noch mehr und wäre am liebsten jeden Tag bei ihnen. Will am liebsten für immer hören, dass mein Opa findet ich sehe aus wie meine Oma als sie in meinem Alter war. Schaue mir die Fotos an, die sie im letzten Urlaub gemacht haben. Habe das Gefühl, die Umarmungen zum Abschied werden jedes Mal um eine Millisekunde länger, ganz so als würden auch sie nicht wissen, wie oft sie mich noch im Arm haben können.

Vor einigen Wochen fragte ich meine Eltern, ob sie es schlimm fänden, wenn ich gehen würde. Ihre Antwort war, dass sie dann einen Grund mehr hätten öfter in wegzufahren. Dass sie mich natürlich sehr vermissen würden, aber ich dahin gehen soll, wo ich das machen kann, was ich möchte und was mich glücklich macht. Und diese Gewissheit, dass egal wo ich bin, sie mich immer unterstützen würden, gibt mir die Sicherheit ganz gleich wo ich bin, dass es richtig sein wird. Dass es okay ist und dass das wichtigste für sie ist, dass ich glücklich bin. Und ich habe das Gefühl es ihnen schuldig zu sein. Dass ich glücklich sein muss, um ihnen zu zeigen wie dankbar ich für all das bin, was sie mir ermöglicht haben. Dass mein Glück das schönste Kompliment sein wird, was ich ihnen geben kann. Weil es alles ausdrückt, was ich nicht in Worte fassen kann. Umso mehr genieße ich jetzt die Zeit mit ihnen, weil das was am Ende bleibt immer die Familie ist.

Danke für den Rückhalt. Die Liebe und das Vertrauen.

Ohana means family and family means nobody gets left behind or forgotten.

a.

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