Von Geschichten und Reisen

3.50 Uhr und der Wecker klingelt. Sitze völlig klar im Bett, obwohl ich grad erst eingeschlafen bin. Direkt bei der zweiten Tonfolge auf Stop, statt Schlummern drücken. Stehe 100km neben mir und funktioniere trotzdem – irgendwie. Muss mich kurz orientieren, meinen Terminkalender im Kopf durchgehen. Mit den ersten Wassertropfen auf der Haut, unter der Dusche, auch den ersten klareren Gedanken fassen. Vorher nur funktioniert – irgendwie. Die Packliste im Kopf durchgehen – nichts vergessen. Viel zu viel anziehen, weil die Müdigkeit mich mehr frösteln lässt, als die eigentliche Temperatur. Mit meinem Koffer, auf dem Weg zum Bahnhof, die Nachbarschaft aufwecken. 4.30 Uhr. Viel zu früh und es trotzdem genießen. Alles schläft. Niemand hier, außer mir. So dunkel, dass nichtmal die Vögel zwitschern. Vereinzelt kommt jemand vom feiern nach Hause. Am Bahnhof viel zu viel Zeit haben. Die Zeit mit grauenvollem Kaffee füllen. Aber ich mag es so. Zeit am Bahnhof haben, mir bewusst machen, die nächste Reise ist zum Greifen nah. 5 Minuten noch.

Am Bahnsteigende sehen, wie der Himmel von tiefschwarz in marieneblau verläuft. Nur Wolken, so dunkle, als wären sie Schatten ihrer selbst, unterbrechen die schwarze Wand. Und ganz hinten am Horizont, genau da, wo meine Sbahn gleich auftaucht, ein schmales, helles Band. In irgendwie undefinierbaren Farben. Einfach der Lichtblick am Ende des Tunnels. Mit dem Öffnen der Türen meiner Bahn trete ich ein in eine Welt, in deren Luft Alkohol, Streiterein, neuen und verlorene Lieben, Hass und Müdigkeit hängen. Und mit jeder Station wird der Himmel etwas heller. Das feuerrot der Hoffnung kämpft gegen das schwarz der Wolken. Sowie die Helligkeit über die Dunkelheit siegt, wird die Melancholie von der Stadt gewischt. Am Hauptbahnhof ankommen. 5.22 Uhr. Den torkelnden Menschen ausweichen, auf dem Weg zum Zug. Es ist der Anfang, der Reise, des Tages und dem Rest des Lebens. 24 neue Stunden, mit denen man zufrieden sein möchte, wenn der Tag wieder endet. Am Ende des Bahnsteigs stehen, kurz innehalten, bevor es in den Zug geht. Sehen wie sich die roten Lichter immer weniger vom Rest der Stadt abheben, weil es von Minute zu Minute heller wird. Der Farbverlauf der Lilatöne immer mehr in das satte babyblau des Sommerhimmels übergehen sehen. Wie die Laternen am Bahnsteig langsam den Kampf gegen das Tageslicht verlieren und zusehen, wie sie am Ende ausgehen. 

Einsteigen, in eine völlig neue Welt und wissen, das Karussell dreht sich wieder und wird mich in der nächsten Stadt wieder rauslassen. Nicht genau wissen, was die Wirklichkeit ist, die Spiegelung der Inneneinrichtung oder die Städte die am Fenster vorbeiziehen. Die Fahrt öffnet mir die Türen in neue Welten und fast schon kann ich das Meer riechen. Leute steigen ein und aus, das meiste verschlafe ich – ein bisschen das Gefühl haben in einer Zeitmaschine zu sitzen. Immer wenn ich kurz aufschrecke bin ich schon in einer anderen, neuen Stadt. Sehe den 10. Bauernhof und die 15. Dorfkirche. 

Und je mehr ich sehe, umso mehr merke ich wie sehr ich diese Stadt liebe – meine Stadt. Die Heimat und all ihre Geschichten. Die Geschichten der Stadt – Zeitgeschichte und auch meine eigene. Jede Ecke erzählt einen Teil der gesamten Story. Und dennoch bin ich froh, wieder fort zu können! Weiß, ich werde immer irgendwie heimkommen – bis zur nächsten Reise. Nur die Zeiten dazwischen variiert. 

Ob ich jemals Ruhe oder gar Frieden finde, weiß ich nicht. Aber ich komme trotzdem gerne heim, zumindest für kurze Zeit – bis die Unruhe mich wieder wegzieht zu einem Ort, der so fremd und riesig ist, damit ich mich darin verlieren kann. Neue Gesichter, keine Ecke, die mich an meine Geschichte erinnert. Nur die Neuen gerade erst schreibt. Mich verlieren in den Geschichten der anderen, um das Gefühl von Ruhe kurz zu spüren. Aber eigentlich bin ich schon wieder auf dem Weg, weg von hier. Oder nicht? 

Heimat ist nirgendwo und überall. Fühle mich fast immer wohl, ganz gleich wo ich bin. Möchte mich nicht festlegen. Kann mir vorstellen überall zu leben fühle mich gleichzeitig nirgendwo zuhause. Schaue gerne den Menschen zu, in ihrer Heimat, ohne dass es meine eigene ist. Überall einen Snippet, aus den Geschichten der anderen, mitnehmen und zu einem Teil der Meinigen machen. Ein kurzes Gespräch an der U-Bahn. Ein Telefonat im ICE. Die Oma und ihr Enkel beim Entdecken der Stadtgeschichte. Alles wird zu einem Teil von mir und meiner Reise. 

Der Reise – nur wohin? Ankommen im Nirgendwo. Hin- und hergerissen zwischen aufs Land wollen, die Freiheit spüren und gleichzeitig die Großstadt vermissen, wenn ich in der Weite stehe. Die enge der Stadt spüren, darin eintauchen und gleichzeitig ausbrechen wollen, aus den viel zu engen Gassen und Straßen. Dem Labyrinth entkommen wollen. Am liebsten auf der Reise, im Zug, weil es mir irgendwie beides gibt. Weil es ein Stück Schwerelosigkeit ist, als wäre man ganz tief unter Wasser. Weil ich alles auf einmal habe, ohne es zu sehr an mich ranlassen zu müssen. Alles so gedämpft und trotzdem mit doppelter Geschwindigkeit – zwei Welten in einem. Die draußen und die drinnen. Landleben und Großstadtfeeling. Alles auf einmal und doch nicht genug. Trotzdem an einem Bahnhof wieder ankommen.

20.06 Uhr. Und es wird wieder dunkel. Kurz das Gefühl auf Zurückspulen gelandet zu sein. Der Tag schrumpft zu dem kleinen hellen Band am Horizont, da wo mein Zug gleich verschwindet. Der, der mich in einer anderen Stadt wieder ausgespuckt hat. Da, wo das Karussell angehalten hat. Und die Wolken legen sich über das marineblau des Abendhimmels. 20.34 Uhr. Und aus den Zuckerwattefetzen werden wieder diese dunklen Schatten am Himmel. Flackernd gehen die Laternen an und kämpfen ein kleines Loch in die unendliche Dunkelheit. Melancholie liegt über der Stadt, wieder torkeln Menschen über die Bahnsteige. Nur diesmal vom Vorglühen in die Bars. Auf dem Weg zu neuen Geschichten – die, die ich am nächsten Morgen schon in der nächsten Stadt hören werde. 22.44 Uhr. Und dann geht das Licht aus und ich versinke wieder in der Melancholie, der Dunkelheit und in den Geschichten der Heimat. Der Zeitgeschichte und der eigenen. Weil sie Grundstein jeder Unterhaltung ist. Der Grundstein dessen, was wir alle morgen schon erleben werden und wenn wir etwas davon löschen würden, alles wie ein Jengaturm zusammenfällt. Weil es gut ist, wie es ist. Weil Heimat immer wichtig ist, ganz gleich wohin der Weg führt. Weil wir in 10 Jahren gerne zurückgehen und über die Geschichten lachen, vor denen wir vorhin noch weggelaufen sind – auf der Reise.

Auf die Möglichkeiten. Auf die Freiheit. Und aufs irgendwann auch Ankommen wollen.

a.

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