Big city nights

am

Ein Bier, nur so, zum Feierabend. Mit Freunden einen entspannten Abend verbringen. Nur so zum Spaß. Einfach mitgehen. Alles ein kann, nichts ein muss. 100 neue Gesichter und jedes einzelne hat eine eigene Geschichte. Die Narbe über dem Auge, von den Kämpfen mit dem großen Bruder. Das schiefe Lächeln, von den Bemühungen, die letzte Liebe zu vergessen und das leuchten in den Augen, bei der Erinnerung an vergangene Nächte.
Nach dem dritten Bier aufs Dach klettern. Sich frei fühlen. Unbeschwert. Über den Dächern einen Hauch an Freiheit spüren. Kurz die Augen schließen. Die Musik der Großstadt, die Autos, der Feueralarm und das Stimmengewirr. Alles ganz entfernt hören. Nur die Gespräche und das Lachen auf dem Dach wahrnehmen. Sich komplett der Situation hingeben, an nichts denken. Sich kurz an der Aussicht erfreuen, mehr nicht. Die Diskussionen, über die besseren Geokenntnisse. Das Aufziehen mit dem Halbwissen und das nicht ganz kampflose kapitulieren, wenn man etwas nicht wusste. Kurz diese unendliche Leichtigkeit spüren. Diese Nacht zu einer eigenen kleinen Purge Night machen. Keine Regeln, keine Gesetze. Das kribbeln in den Fingern als Anzeichen, dass das hier eine gute Nacht wird. Ein bisschen den jugendlichen Leitsinn spüren. Zum Sonnenuntergang die Stufen hinuntersteigen. 

Mit jedem Bier ein bisschen Leichtigkeit gewinnen. Nach dem dritten Schnaps so leicht, wie eine Feder sein. Der Alltag so weit weg, wie wir zum Mond. Das Lachen nur erstickt vom flüssigen Glück, eingeschenkt in Fingerhüte. Immer neues ausprobieren. Neues Bier, neuer Schnaps, neue Gespräche und neue Bars. Alles neu, alles fremd und doch so normal. Ein bisschen zu laut lachen und ein bisschen zu viel reden. Ein bisschen zu viel von allem, aber doch genau richtig so.

Flüchtige Berührungen, mit dem Sitznachbarn in der Bar, die direkt gegenüber. Ein bisschen umeinander schleichen. Kurz verfangen sich die Hände ineinander – so ganz ausversehen. Und dann, mit voller Absicht die Hand am Rücken spüren, sich kurz fallen lassen. Ein flüchtiger Kuss im vorbeigehen. Küsse, die für eine Sekunde die Welt anhalten und doch so schnell wieder vorbei sind, dass man garnicht genau weiß, ob sie geschehen sind. Nur das leichte kribbeln auf der Lippe zeigt, dass es wahr ist. Sich kurz im zweiten Kuss verlieren und gleich wieder auftauchen. So flüchtig, wie man eben einen Fremden küsst, aber irgendwie so nah, wie lange nicht. So wie man eben küsst, mit der Gewissheit nicht verletzt werden zu können, weil wir in dieser Nacht unsterblich sind. Ein Stück vorwärts gehen, die Hand loslassen und alleine weiter. Die Berührung trotzdem in die Länge ziehen. Erst loslassen, wenn nur noch die Fingerspitzen sich berühren – ganz so, als wärs für immer gewesen. Und irgendwie ist es für immer, eine Ewigkeit, komprimiert in eine kleine Sekunde. 

Kurz stolpern und bei einer eben geschlossenen Bekanntschaft im Arm landen. Zusammen auf der Straße liegen, den Sternenhimmel ansehen. Ganz so, als wäre es immer so gewesen. Mal kurz nicht über Konsequenzen nachdenken und alles machen. Auf den Schultern des Freundes dem Himmel ganz nahe kommen, bis zum Absturz. Kurz lachend auf der Straße liegen und den Moment leben. Realisieren, wie schön das Leben ist, so ohne Sorgen! Nochmal ganz klein sein und sich trotzdem so groß fühlen, größer als der Wolkenkratzer am anderen Ufer.

Noch eine Runde Bier. Mehr Schnaps! Ein bisschen Luft, die Berliner! Das Glück trinken, es in den Kopf steigen lassen und noch ein bisschen mehr davonschweben. Mehr Großstadt. Kein Limit, immer höher, immer weiter. Ganz so als gäbs kein Morgen mehr.

Im nächsten Kiosk das Wegbier, für den Heimweg, holen. Die Freiheit schmecken. Ein bisschen mehr nach Hause tanzen, als gehen. Eine Melodie im Kopf haben, die immer an diese Nacht erinnern wird. Wie zufällig verknoten sich die Finger wieder. Ein kurzer Halt, auf dem Weg Richtung Heimat. Kurz anhalten, nochmal diese flüchtige Berührung spüren. Die, die nichts und doch so viel bedeutet. Kurz loslassen und doch festhalten. Sich zuhause fühlen, für eine Sekunde. Anschließend die Hand wieder loslassen und weitergehen. Die Erinnerung an diesen Kuss ein Lächeln aufs Gesicht zeichnen lassen und sie im nächsten Augenblick schon der Vergangenheit übergeben.
Gespräche über das Leben, das gerade passiert, führen. In der Sekunde leben. Mal nicht von A nach B hetzten, sondern viel länger für den Weg brauchen. Nichts und alles denken! Geständnisse an die Liebe, gemischt mit Bier. Eine Nacht so voller Gefühle, eine die man nie vergisst. Den Sternenhimmel sehen und sich plötzlich so nah fühlen. Jedes Licht ist ein kleiner Hoffnungsschimmer, in dieser dunklen Nacht. Und wir? Wir leuchten am hellsten. Sind unsere eigene kleine Hoffnung auf mehr Leichtigkeit und unsere eigene Hoffnung für die Zukunft, auf dass diese Nacht nie enden soll.

Zum Sonnenaufgang trotzdem wieder ankommen. Zuhause und fast schon in der Realität. Kurz die Luft anhalten, das Gefühl von der Nacht für eine Sekunde festhalten. Und dennoch gleitet sie schon jetzt durch die Finger, direkt in die Vergangenheit. 

Ins Bett fallen und alles dreht sich. Nicht unbedingt vom Bier, mehr von der eben noch gespürten Freiheit.  Mit einem Lächeln einschlafen, weil die Erinnerung bleiben wird. Mit dem Tageslicht kommen auch die Alltagsgedanken wieder.

Aber die Nacht der Freiheit bleibt – für immer.

 

a.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s