Die andere Seite

Eine Hommage und ein Nachruf an die Liebe!

Ich umarme ihn, geb ihm einen Kuss. Drücke ihn kurz an mich und lasse dann mit Druck auf der Brust und einem komischen Gefühl im Bauch langsam seine Hand los. Die Haustür fällt ins Schloss und ich sitze da, alleine. Die Kette die ich ihm geschenkt habe, sein Glücksbringer und Beschützer, liegt im Flur auf dem Schrank und leistet mir Gesellschaft. Sie gehe zu leicht kaputt – leider. Ich zwinge mich selber nicht daran zu denken, was alles passieren kann. Ich könnte es eh nicht ändern. Die Worte des Zugführers, dass sie sich darauf einstellen sollten, dass man selbst oder Kollegen verletzt nach Hause fahren könnten, gehen mir nicht aus dem Kopf. Ich atme zweimal tief ein und aus. Versuche den Tag rumzubringen, mich abzulenken. Aber meine Gedanken sind nicht ganz hier. Immer wieder überlege ich ob ich googeln soll, wie es aktuell im Einsatz aussieht, aber ich lasse es. Selbstschutz! Solange ich nichts höre ist es zwar wie bei Schrödingers Katze, aber ich versuche an das Gute zu glauben!

Ich erwische mich, wie meine Hand immer wieder zu meiner Kette wandert, dem Herzanhänger seiner Oma! Immer wieder schaue ich auf mein Handy und warte auf eine Nachricht. Ein knappes ‚alles ok‘ oder ‚mir gehts gut‘ und ich könnte aufatmen und der Druck auf der Brust würde etwas nachlassen. Ich wünsche mir das Wochenende herbei, damit ich ihn wieder heil in den Arm nehmen kann. Ich weiß, dass er einen guten Schutzengel hat, aber die Steine im Magen bleiben.

Diesmal ist es kein normaler Einsatz, es ist der 1. Mai. Es ist nicht in Bayern und so weit weg. Und es ist eine Demo, bei der alles und nichts passieren kann. Und obwohl ich an das Gute glaube, frage ich mich immer wie ich mit dem worst case umgehen würde.
Ich bekam schonmal eine Unfallnachricht von dir. Damals ist ein kurzer Film, ein kleiner Snippet, aus unserem Leben vor meinem inneren Auge abgelaufen. Von einer Sekunde auf die andere, ist mir bewusst geworden, dass ich dich an diesem Tag fast verloren hätte. Und plötzlich war mir klarer als jemals zuvor, wie sehr wir unsere Zeit genießen und schätzen müssen, weil sie morgen schon vorbei sein kann.
Und nie sind die Gefühle von damals so präsent, wie vor schwierigen Einsätzen. Alleine der Gedanke daran, dich noch einmal (fast) verlieren zu können, lässt mich Stiche in der Brust spüren. Ich weiß nicht ob ich die schlaflosen Nächte, die Angst, ewige Stunden auf Krankenhausparkplätzen, die Ungewissheit und diesen Schmerz nochmal ertragen könnte. Nicht wissen was ist, mit der Zukunft und der Gegenwart. Alles neu sortieren zu müssen, von einer Sekunde auf die andere. Aber ich weiß, dass ich für dich immer und immer wieder stark sein würde. Dich immer auffangen, dir Mut machen, dir deine Angst nehmen, dir einen Ausweg zeigen, obwohl mir das alles selbst sehr schwer fällt. Ich weiß, das ich immer da sein würde, an deiner Seite, und wir das zusammen schaffen würden! Trotzdem sitze ich hier und bete und hoffe, dass du heil nach Hause kommst. Weil ich dich liebe ❤️
Und dann, wenn die Haustür wieder aufgesperrt wird. Du erschöpft nach Hause kommst. Mich in den Arm nimmst. Mir sagst das du mich liebst und froh bist, Zuhause zu sein. Dann is das alles wie weggeblasen – bis zum nächsten Einsatz.

 

„If you love someone
And you’re not afraid to lose ‚em
You’ll probably never love someone like I do!“

Always stay safe!

a.

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